DER DIENER GOTTES MARTIN BENEDICT (1931-1986)

Der kleine Martin
Geboren wurde der kleine Martin am 31. Juli 1931 in Galbeni (Rumaenien), auf der rechten Ueferseite des Flusses Siret - einer herrlichen Landschaft mit kleinen Seen im Sumpfgebiet. Die Menschen dort lebten von Feldarbeit und Viehzucht. Nur wenige arbeiteten in der nahe gelegenen Stadt Bacau, die damals eine wichtige Handelsstadt in der Region Moldau war.
Der Vater Petru las viel, sogar waehrend er die Kuhe auf die Weide fuehrte. Um eine abbonierte Zeitschrift abzuholen, musste er aber zwei Kilometer bis zur Bahnstation gehen. Die Mutter Magda liebte ihre fuenf Kinder, die Maedchen Roza und Varvara, die Juengen Dumitru und Anton, vor allem aber ihren Juengsten, Martin.
Er bekam zu den ueblichen Bohnen auch schon einmal ein Ei auf den Teller gelegt. Ihren Kleinsten nahm sie sehr bald mit in die Kirche; taeglich besuchte sie die heilige Messe, auch im Winter, ihr ganzes Leben lang. Abends betete die Familie den Rosenkranz.
Von 1938 bis 1945 besuchte Martin die Schule in Galbeni. Das einfache Gebaude, ueber Eichenbalken errichtet, diente als Kindergarten und Schule. Aubenwand und innere Trennwand bestanden aus geflochtenen Stangen, abgedichtet mit einem Lehm-Stroh-Gemisch. Martin lernte rasch, vergrub sich in Buechern, die der Lehrer manchmal vor ihm versteckte. Seinen Kameraden erzaehlte er selbsterfundene Gespenstergeschichten, so dass sie oft nicht einschlafen konnten. Mit ihnen spielte er gerne Barbut; da ging es darum, wer die meisten Knopfe gewinnt. Und gemeinsam vergnuegten sie sich beim Baden in den Seen an der Siret.

Im Minoriten - Internat
Mit 14 Jahren, nach Abschluss der Pflichtschule, stand fur Martin fest, dass er Minoritenpater werden wollte. Im nordlich von Roman gelegenen Halaucesti hatte Minoritenpater Francisc Damoc 1938 ein kleines Gymnasium eroffnet. Martin wurde 1945 in das angeschlossene Knabenseminar aufgenommen. Seine Eltern Petru und Magda begleiteten ihn, denn es gab einiges zu schleppen. Mitzubringen waren: eine 80 x 80 Zentimeter grobe gefuellte Matratze, eine Decke mit drei Leintuchern, drei weitere Leintucher fur die Matratze, ein Kopfkissen mit drei Bezuegen, sechs Hemden, sechs Paar lange Unterhosen, sechs Handtuecher, zwei Winterpullover, sechs Paar Strumpfe, zwoelf Taschentuecher, vier Bestecktuecher, zwei Garnituren Schuluniform, eine Schulmuetze, zwei Paar Schuhe, eine Kleiderbuerste, eine Haarbuerste, eine Zahnbuerste, Schuhputzzeug mit Buerste, eine Schuessel.
Hier in Halaucesti lernte Martin die Franziskaner-Minoriten aus der Naehe kennen; er konnte von 1945 bis 1948 bleiben. Und immer war er Klassenbester. Da er sogar waehrend der Erholungszeiten lernte, stellte sein Rektor P. Gheorghe Patrascu die Regel auf: Waehrend der Freizeit darf auf keinen Fall studiert werden. In diesem Punkt gehorchte Martin, nicht jedoch bezueglich seiner persoenlichen Gebete; weiterhin suchte er die Hauskapelle zu langen Gebeten und Meditationen auf. Manchmal lachten ihn seine Mitschueler aus; darauf reagierte er nicht heftig, sondern mit einem Lacheln.
 
Rote Fahne, Hammer und Sichel
Die Zeiten andern sich, als am 23. August 1944 die Sowjetarmee in Rumaenien einmarschiert und den gemeinsamen Kampf gegen die Deutschen verlangt. Im Maerz 1945 kommt die Volksfront aus linksgerichteten Elementen an die Macht. Man muss wissen, dass es damals in ganz Rumaenien nur etwa tausend militante Kommunisten gab. Doch einmal an der Macht, errichten sie ein diktatorisches System und erklaeren die uebrigen Parteien fuer illegal. Am 30. Dezember 1948 wird Koenig Mihai zur Abdankung gezwungen und verlaesst das Land.
Das Privateigentum an Produktionsmitteln wird enteignet, die Landwirtschaft wird kollektiviert. Mit der neuen Verfassung vom 24. September 1952 wird die Diktatur des Proletariats errichtet. Jegliche Opposition dagegen soll ausgeschaltet werden; nach marxistisch-leninistischer Doktrin ist die katholische Kirche als das groesste Hindernis anzusehen.
Mit dem Dekret Nr. 151 von 17. Juli 1948 war das am 10. Mai 1927 geschlossene Konkordat zwischen Rumaenien und dem Heiligen Stuhl gekuendigt worden. Am 4. August 1948 erging ein neues Dekret: Dem Staat obliegt die generelle Kontrolle ueber die Religionsausuebung. Doch bereits am 2. August hatte die legale Verfolgung der katholische Kirche eingesetzt, die alle ihre zahlreichen Bildungseinrichtungen verlor. Die kirchlichen Schulen und Bildungseinrichtungen wurden verstaatlicht, samt den Immobilien und Lehrerwohnungen, ob nun Ordensleute oder Laien darin untergebracht waren. Alle Kloester und Seminare wurden geschlossen. Alle Schueler der katholischen Schulen mussten nach Hause gehen. Dies galt auch fuer das franziskanische Seminar in Halaucesti, das in eine Schule fuer Mechaniker und Traktorfahrer umfunktioniert wurde.
 
Ein kleiner Dieb?
Martin war zu diesem Zeitpunkt zu Hause bei seinen Eltern, wo er die Ferien verbrachte. Traurig holte er jetzt seine Sachen ab. Und sein Traum, Minoritenpater zu werden? Es war die erste groeste Pruefung in seinem Leben, auf dem Weg in den Minoritenorden. Er betete und holte Rat bei seinem frueheren Magister P. Gheorghe Patrascu, der Pfarrer in Luizi Calugara geworden war, in der Naehe von Bacau. Martin bestand die Aufnahmspruefung fuer das "Liceul de baieti", ein Gymnasium in Bacau. Es ist heute noch das beste und traegt jetzt den Namen "Colegiul National Ferdinand I". Da arme Kinder mit sehr guten Noten ein Anrecht auf materielle Hilfe hatten, erhielt er einen Studienfreiplatz.
Und Martin blieb fromm. Eines Tages vermisste ein Schulkamerad Geld. Der Erzieher im Heim verhoerte die Schueler einzeln, um den Dieb zu finden. Martin wurde beschuldigt, weil er jeden Tag um 5 Uhr aufstand, und niemand wusste, wohin er ging. Tags darauf folgte ihm der Erzieher heimlich, um sich selbst von dieser schweren Anklage zu ueberzeugen. Martin betrat wie gewoehnlich die Nikolauskirche, um die heilige Messe mitzufeiern. Der Erzieher verfolgte ihn, weil er vermutete, dass er irgendwohin geht. Doch Martin kehrte sofort in die Schule puenktlich zum Unterricht zurueck. Am Nachmittag rief der Erzieher alle Jungen zusammen, erzaehlte ihnen, was er gesehen hatte, und sagte dann mit Nachdruck: Wer stiehlt, der steht nicht um fuenf Uhr morgens auf, um zur Kirche zu gehen und zu beten.
Nach dem Abitur 1951 und der bestandenen Aufnahmspruefung an der Universitaet inskribierte Martin an Medizinischen Fakultaet von Iasi. Der Medizin geht es um den Menschen, lag also auf einer Linie mit seiner Berufung zum Ordensmann. Auch die Minoritenpatres, mit denen er immer engen Kontakt hielt, rieten ihm dazu. Sie kannten ihn gut, seine intellektuellen Faehigkeiten, seine Charakterfestigkeit. Und sie deuteten ihm an, dass sie ihn aufnehmen wuerden, sobald die gesellschaftspolitische Situation es zuliesse.
 
Medizinstudent und Messdiener
Die Jahre an der Universitaet verbrachte er mit Studium und Gebet. Er galt als "Buecherwurm". Stunden verbrachte er in der Bibliothek des Krankenhauses San Spiridon - und vor dem Tabernakel. Einige Mitstudenten "verfuehrte" er zum Rosenkranzbeten. Bei Gespraechen lenkte er das Thema auf wesentliche Dinge, die Geheimnisse um Gott, Leben und Tod. In bescheidener Kleidung diente er taeglich bei der Messe in der Kathedrale von Iasi, ging zur Kommunion und beteiligte sich am Leben der Pfarre. Hier schloss er enge Freundschaft mit Bischof Ioan Duma aus dem Minoritenorden, der eben erst aus dem Gefaengnis der Kommunisten entlassen worden war und noch unter Hausarrest stand.
Seinen medizinischen Doktor macht Martin 1957 mit summa cum laude und spezialisiert sich auf Kinderheilkunde. Wenige Monate, vom 18. Oktober bis 11. Dezember 1957, arbeitet er als Arzt im katholischen Dorf Raducaneni. Dann wird er nach Tatareni versetzt, in ein rein orthodoxes Dorf, nahe der Grenze zu Russland. Die Kommunisten waren ueberhaupt nicht einverstanden mit der Art, wie er sich als Arzt betaetigte; er war ihnen zu sehr mit der Kirche vor Ort verbunden. Tatsaechlich besuchte Dr. Benedict die Kranken gemeinsam mit dem Pfarrer, Minoritenpater Martin Burca um den Leib und die Seele der Glaubigen von Raducaneni zu kurieren. So verbannte man ihn nach Tatareni. In diesem Zigeunerdorf bleibt er vom 12. Dezember 1957 bis Anfang November 1961. Sofort wird er ein "Arzt fuer die Armen", hilfsbereit und grosszuegig, ein Arzt fuer Leib und Seele. Wenn die Leute ihn aufsuchen wollen, erkundigen sie sich: Wo wohnt der Arzt, der auch Priester ist?
Irgendwie spueren es seine Patienten vor allem die einfache Leute: Dieser 30jaehrige Arzt Dr. Martin Benedict ist nicht nur ein tuechtiger Mediziner. Sein friedliches, ausgeglichenes Auftreten, seine Herzlichkeit und Geduld schoepfen aus einer tief religioesen Quelle. Im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen laesst er sich nicht zu Abtreibungen ueberreden, aus Achtung vor dem Geschenk des Lebens. Waehrend der fast vier Jahre im Zigeunerdorf Tatareni erwirbt er sich grosses Vertrauen. Beim Abschied im November 1961 weinen die Leute: Jetzt geht unser "Pater Arzt" weg.
Ihm persoenlich fehlt die taegliche Mitfeier der heiligen Messe. Nur am Sonntagnachmittag kann er mit dem Fahrrad die 16 Kilometer bis zum Staedtchen Husi zuruecklegen und bei den Franziskaner - Minoriten die Sakramente empfangen. Anschliessend sucht er das Gespraech mit den Ordensleuten und holt sich Orientierung in moralischen und sozialen Fragen, besonders bezueglich des Problems der Abtreibung. Bei Pater Alois Donea belegt er einen Lateinkurs.
Es folgt ein Jahr am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Bacau, wenige Kilometer entfernt von seinem Heimatdoerfchen Galbeni, vom 1. November 1961 bis 1. November 1962. Zu den Kostbarkeiten seiner kleinen Wohnung zaehlen einige Ikonen, Bibel und Rosenkranz. Seine Aerztlichen Kollegen verbluefft er mit der Faehigkeit, unterschiedlichste Krankheiten sicher zu diagnostizieren. Als ausgezeichneter Arzt bleibt er ein Mann des Glaubens, ein Zeuge fuer Christus und ein Verteidiger des ungeborenen Lebens.
 
Zwischen Krankenhaus und Kirche
Im Jahr 1962 beschliessen die Kommunisten den Bau einer Chemie-Fabrik in Borzesti und planen ein neues Krankenhaus im nahe gelegenen Onesti, suedlich von Bacau. Martin meldet sich und uebernimmt die Aerztliche Versorgung der Arbeiter auf den Baustellen. Nach der Eroeffnung des Staedtischen Krankenhauses 1965 wird er hier als Arzt bis an sein Lebensende 1986 taetig sein. Uebrigens wird das Staedtchen Onesti im Maerz 1965 umbenannt in Gheorghe Gheorghiu Dej, nach dem im gleichen Jahr verstorbenen kommunistischen Praesidenten. Erst 1990, nach dem Fall des Kommunismus, erhaelt es wieder seinen frueheren Namen.
Dr. Martin Benedict waehlt in Onesti ein bescheidenes Appartement, das er zuerst allein bewohnt, spaeter zusammen mit seiner Schwester Varvara. Es liegt genau in der Mitte zwischen Krankenhaus und Kirche, sozusagen den Angelpunkten seines Lebens.
Im Krankenhaus arbeitet er an der Abteilung fuer Interne Medizin. Beruflich ausgezeichnet vorbereitet, wird er von seinen Kollegen geschaetzt und konsultiert. Sie holen seinen Rat auch bei schwierigen Diagnosen ein, die nicht in sein Fachgebiet gehoeren.
Er stroemt Vertrauen aus. Seine Autoritaet und Sicherheit bringen Ruhe in den Ablauf und helfen bei der Loesung vieler schwieriger Faelle. Er foerdert entschieden die Zusammenarbeit unter den Aerzten. Mit seinen menschlichen und geistlichen Qualitaeten gewinnt er viele Freunde und Bekannte, die ihm in aufrichtiger Liebe zugetan sind.
 
Keine bevorzugten Patienten
Seine Liebe zum Naechsten umfasst alle Menschen und alle sozialen Kategorien, Kinder und Alte, Arme und Reiche, Katholiken und Orthodoxe, Zigeuner und obdachlose Bettler, Freunde und Bekannte. Ja, er behandelt sogar ueberzeugte Kommunisten und Securitate-Leute (Angehoerige des gefuerchteten Geheimdienstes), die spaeter dann seine Verfolger werden. Wie der gute Samariter kuemmert er sich um jene, die von anderen Aerzten aufgegeben wurden, nimmt sich ihrer an und betreut sie bis zu ihrer Heilung. Mit seinen Kranken teilt er ihre Freuden und Leiden. Er mischt sich gerne unter einfache Leute und spricht ihre Sprache. Oft macht er Hausbesuche. Er ist Therapeut und Apostel, heilt leibliche Gebrechen und streut in die Seelen seiner Patienten die christliche Botschaft, die Sehnsucht auch nach innerer Heilung. Besonders liegt ihm der Wert des ungeborenen Lebens am Herzen.
Auch im Krankenhaus von Onesti wirkt er als Verteidiger des Lebens, gegen die dort uebliche leichtfertige Praxis der Abtreibung. Das Personal erinnert sich noch gut an seine absolute Weigerung, solche Eingriffe vorzunehmen. Viele abtreibungswillige Frauen lassen sich von Dr. Benedict ueberzeugen, bringen ihre Kinder zur Welt und nehmen sie auch innerlich an. Heute, nach vielen Jahren, sind diese Muetter ihm dankbar, weil sie spueren, dass sie eine gute Entscheidung getroffen haben.
Dr. Martin Benedict kuriert koerperliche Leiden - und betet fuer seine Patienten. Spaeter, nach seiner Priesterweihe, wird er allen, die es brauchen, heimlich die Krankensalbung spenden. Einige Krankenschwestern, die seine Mission unterstuetzen, informieren ihn ueber Notfaelle, bei denen eine Krankensalbung angebracht ist. Taeglich besucht er die Eucharistiefeier und haelt sich zu langen Gebeten in der Kirche auf. Manche Geheilte fragen sich sogar, ob sie dies der medizinischen Kunst oder seinem Gebet verdanken.
 
Arzt, heile dich selbst!
In diesem Rahmen spielt sich sein Leben ab: Wohnung, Kirche, Krankenhaus und wieder Krankenhaus, Kirche, Wohnung. Doch verzichtet er nicht auf Ausfluege mit dem Auto oder dem Fahrrad in seinen freien Stunden. Gerne faehrt er in sein Heimatdorf Galbeni, angelt mit seinen Freunden aus dem Kindergarten am Ufer des oft Hochwasser fuehrenden Flusses Siret, der 600 Kilometer durch Rumaenien stroemt und bei Galati in die Donau muendet. Am liebsten isst er seinen Fisch in Zwiebeln gebraten mit Polenta. Respektvoll gruessen ihn die Leute aus seiner Heimatgemeinde mit "Gelobt sei Jesus Christus", wie sie es sonst nur bei Priestern tun - ohne zu ahnen, dass er (spaeter) tatsaechlich Priester ist.
In den Sommerferien 1972 besucht Martin Benedict mit seiner Mutter Magda noch die herrlich ausgemalten orthodoxen Kloester der Region Moldau. Am 12. August bekommt er nach einem Polenta -Mittagessen unertraegliche Bauchschmerzen. Bei der eilig angesetzten Notoperation erschrecken seine Kollegen und fuehlen sich ueberfordert. Darmverschluss infolge starker Verwachsungen mit dem umgebenden Netz in der Bauchhoehle. Sie schliessen die OP-Wunde schnell wieder, da sie Dr. Benedict nur noch wenige Stunden geben und verabreichen ihm Beruhigungsmittel, die aber nicht wirken. Bruellend vor Schmerzen lauft Martin durch die Gaenge des Krankenhauses. Spaeter wird er erzaehlen, dass sich mitten in seine Schmerzen hinein etwas Geheimnisvolles ereignete, das ihn wie ein Blitz traf, die Gnade eines Lebens unter Schmerzen.
 
Das vergessene Skalpell
Am Morgen danach besteht Dr. Benedict auf einer zweiten Operation. Es ist der 13. August 1972. Sein Zustand war lebensbedrohlich geworden. Der Pfarrer von Onesti erteilt ihm die Krankensalbung. Und alle seine Freunde beten instaendig fuer ihn. Die Diagnose beim zweiten Eingriff: Subtotaler Veneninfarkt des Duenndarmes. Bei der schwierigen Operation werden die abgestorbenen Teile des Duenndarms herausgeschnitten und die gesunden, durchbluteten Teile wieder zusammengenaeht. Martin wird die restlichen 14 Jahre seines Lebens mit nur dreissig Zentimetern Duenndarm auskommen muessen (normal sind vier-fuenf Meter!).
In ihrer Aufregung unterleuft den ärztlichen Kollegen ein schlimmer Fehler. Martin spuert einen Fremdkoerper in seinem Bauch, doch die Kollegen sprechen von postoperativen Schmerzen. Nach elf Tagen kommt der Chefarzt aus dem Urlaub zurueck, Dr. Lazar. Er ordnet eine dritte Operation an und - entfernt das vergessene Skalpell!
Von einem Tag zum anderen aendert sich fuer Martin Benedict das Leben radikal. Die Verdauung ist erheblich verlangsamt, die Ernaehrung wird ein taegliches Problem, strengste Diaet ist erforderlich. Nicht nur die Nahrungsaufnahme muss viele Male am Tag erfolgen, in ganz kleinen Portionen; auch der Stuhlgang erfolgt bis zu zwoelfmal taeglich, weil sich im verbliebenen dreissig Zentimeter langen Duenndarm nichts "anstauen" kann.
Martin bittet seine Schwester Varvara um Hilfe. Sie war bei den Mallersdorfer Schwestern in Karlsburg / Siebenbuerger (Alba Iulia) eingetreten, heimlich, denn der Staat betrachtete alle Ordensgemeinschaften als illegal. Mit Erlaubnis der Oberin wird sie 14 Jahre lang bei ihm im Appartement von Onesti wohnen. In absoluter Disziplin und viel Gebet fuehrt Martin seine Arbeit unvermindert weiter, mit noch mehr Verstaendnis fuer die Schmerzen seiner Patienten. Er weiss: Gott will nicht seine Kraft auf die Probe stellen, sondern seine Schwachheit.
 
Ordensmann in zivil
Martin haelt staendig Kontakt zu den Minoriten, steht sozusagen auf der Warteliste. Es wird eine lange Wartezeit. Sein Mitschueler im Seminar von Halaucesti, Antal Gheorghe, waehlt einen anderen Weg und geht im Oktober 1957 eine so genannte Josephsehe ein (beide Gatten beobachten freiwillig aus uebernatuerlichen Motiven stete Enthaltsamkeit), als Alibi vor der Neugier Aussenstehender. Dr. Benedict weiss davon. Eingeweiht ist auch Minoritenpater Patrascu Gheorghe, ihr frueherer Seminar-Rektor, der nach Gefaengnisjahren 1967 Pfarrer im nahen Targu Trotus wird, ehemals ein Minoritenkonvent, und 1969 Provinzialminister der Untergrund-Provinz der Minoriten in Rumaenien. Bei ihm macht Martin in aller Heimlichkeit Postulat und Noviziat, legt 1976 seine zeitlichen Geluebde ab und 1979 die Profess auf Lebenszeit. Die genauen Daten sind unbekannt; damals waere es zu riskant gewesen, sie ins Professbuch einzutragen.
Wie lebt ein Klinikarzt die Ordensgeluebde? So oft er kann, kommt Bruder Martin zum gemeinsamen Stundengebet. Ein Ordenskapitel koennen sie nicht abhalten, das Ordenskleid duerfen sie nicht tragen. Fuer ihn wird sein Arztkittel zum Habit. Infolge seiner beruflichen Position geht es ihm wirtschaftlich besser als vielen anderen. Auf diese Vorteile verzichtet er wegen seines Armutsgeluebdes zugunsten Beduerftiger. Er kleidet sich einfach, nimmt in seinem bescheidenen Appartement in Onesti gastfreundlich Mitbrueder und Weltpriester auf. Er liebt die Armut, er liebt die Erniedrigten und Unterdrueckten; ihm liegt nicht an Einfluss, Karriere, Ehrungen; fuer ihn sind das nebensaechliche Dinge. Das Geluebde der Keuschheit hat er bereits von klein an abgelegt und haelt es bis ans Lebensende ein. Gehorsam leistet er seinem Untergrund-Provinzial P. Gheorghe Patrascu. So lebt er im Untergrund mit innerer Freude franziskanisch.
 
Die Securitate ausgetrickst
Bruder Martin will auch Priester werden. P. Patrascu Gheorghe fuehrt ihn heimlich in die Theologie ein. Minoritenbischof Ioan Duma hat Angst, die Priesterweihe in Targu Jiu vorzunehmen weil Kirche und Wohnung mit Abhoermikrophonen verwanzt sind. Der griechisch-katholische Bischof Alexandru Todea sagt zu, fuer das Fest Kreuzerhoehnung, am 14. September 1980, in Slanic Moldova. Zweiter Weihekandidat ist uebrigens Antal Gheorghe, der verheiratete Kollege aus Seminarzeiten.
Nach der Pfarrmesse um 10 Uhr schliesst Pfarrer Anton Sociu die Kirchentueren. Gegen 11 Uhr beginnt in aller Heimlichkeit die Messe zur Priesterweihe. Anwesend sind: Bischof Alexandru Todea; Pater George Gutiu, inzwischen Bischof von Cluj-Gherla; Pater Anton Sociu, Pfarrer von Ciresoaia und Slanic Moldova; Schwester Veronica Antal; eine Frau aus Reghin; der Fahrer des Bischofs (ein griechisch-katholischer Untergrundpriester, der in Krankenhaus von Cluj arbeitet); die beiden Weihekandidaten Antal Gheorghe und Martin Benedict. Die Feier dauert ueber zwei Stunden, mit einer halben Stunde Predigt; aufgenommen werden kann sie nicht, das waere zu gefaehrlich; eine harmlose Audio-Video-Kassette oder ein Foto koennten die ganze Wahrheit ans Licht bringen. Die von der Securitate sind ahnungslos. Tags darauf besucht Praesident Nicolae Ceausescu das nahegelegene Bacau; dort hatte man die gesamte Securitate zusammengezogen.
 
"Der Arzt, der so viel betet"
Pater Martin zelebrierte in Rumaenien nie in der oeffentlichkeit, nur um 5 Uhr morgens in seinem Appartement, im Beisein seiner Schwester Varvara. Danach diente er, wie bereits vor der Priesterweihe, bei der Messe in der Pfarre, als einfacher Laie, um keinen Verdacht zu erregen. Danach ging er zur Arbeit ins Krankenhaus. Sein Priestertum lebte er in der Klinik, opferte sich als Arzt fuer Leib und Seele Gott und den Menschen auf. Bei Nachtdienst zelebrierte er auch in seinem Buero, manchmal sogar gemeinsam mit anderen Minoritenpatres, die Patienten waren. Die heiligen Geraete, Patene und Kelch, verwahrte er nie in seinem Buero auf; seine Schwester brachte sie ihm jedes Mal eigens vorbei.
Immer betete er, ohne Unterbrechung, Stossgebete, sein Brevier, den Kreuzweg; besuchte taeglich das Altarsakrament. Besonders verehrte er die Muttergottes, selten fehlte der Rosenkranz in seinen Haenden. Die Leute erinnern sich noch heute daran, wie er staendig Rosenkranz betete, beim Autofahren, vor und nach der heiligen Messe. Die Glaubigen von Onesti sprachen von ihm als "dem Arzt, der so viel betet".
 
Als Pilger in Italien
Am 30. Oktober 1983 finden wir Pater Martin auf dem Petersplatz in Rom. Der rumaenische Kapuziner Ieremia Valahul wird selig gesprochen, bisher der einzige Selige der rumaenischen Kirche. Als Vertreter der rumaenischen Pilger traegt Pater Martin eine Fuerbitte vor, natuerlich nicht in Priesterkleidung, sondern in der hellen Tracht seines Heimatdorfes Galbeni, einem Erbstueck seiner Familie. Der ausgedrueckte Text, den alle Teilnehmer in Haenden haben, enthaelt keine Fuerbitte fuer die Ordensleute Rumaeniens. Sie sind verboten, unterdrueckt, verfolgt, gequaelt; es darf sie offiziell nicht geben. Also fuegt Pater Martin hinzu: "Gott segne alle Priester, Ordensleute und Glaubigen in Rumaenien". Den Spitzeln der Securitate unter den rumaenischen Pilgern entgeht dieses zusaetzliche Wort Ordensleute nicht. Pater Martin wird dafuer noch viel zu leiden haben.
Gemeinsam mit Don Mihai Pal besucht Pater Martin am 4. November 1983 das Grab des heiligen Franziskus in Assisi. Aus dem internen Unterschriftenbuch fuer Gastpriester geht hervor, dass er am Altar in der Krypta zelebrierte, sich jedoch nicht in das dort oeffentlich aufliegende Buch der Zelebranten eintrug, was zu gefaehrlich gewesen waere. Mit einem Empfehlungsschreiben der Generalkurie in Rom besuchen die beiden die Konvente Santa Croce in Florenz und San Francesco in Bologna; am 7.-8. November in Padua das Heiligtum von P. Leopold Mandic, den P. Martin sehr verehrte, und natuerlich die Antoniusbasilika. Dort feiert Pater Martin gemeinsam mit anderen Priestern die heilige Messe an der Tomba. Auf dem Rueckweg zur Sakristei blitzt ein Foto-Apparat auf. Das gilt eindeutig ihnen sie sind entdeckt! In Rumaenien nimmt die Securitate, der rumaenische Geheimdienst, P. Martin in Empfang und wirft ihm mehrere "Verbrechen" vor: Er sei illegal Minoritenpater, habe in Italien die heilige Messe gefeiert, sei ein Vatikan-Spion, habe bei den Fuerbitten eigenmaechtig das Wort "Ordensleute" eingefuegt, obwohl dieser Personenstand vom Gesetz des sozialistischen Staates nicht zugelassen ist; er habe aus Italien verbotenerweise religioese Kultgegenstaende fuer Kirchen in Rumaenien mitgenommen.
 
 
Beginn der Verfolgungen
Arzt und Priester in einer Person, das bedeutete fuer die Securitate einen Gefahrenherd, der sofort zu eliminieren war. Unter den Kommunisten bekam jemand bereits Probleme, der sich offen zum katholischen Glauben bekannte; tat dies jemand, der einen gesellschaftlich wichtigen Beruf ausuebte, etwa als Arzt, dann war sein Glaubenszeugnis noch gefaehrlicher, und erst recht, wenn dieser Arzt zudem Priester war.
Gott ist ein zaertlicher, doch auch fordernder Freund. Drei Jahre nach der Gnade des Priestertums wird von P. Martin ein Opfer verlangt, das er voll Hoffnung auf sich nimmt. Auch seine Angst opfert er Gott auf. Im Glauben besteht er Leiden, Schmerzen, Dunkel und Verlassenheit. Die Mitglieder der oertlichen Securitate von Onesti kennt Martin Benedict gut. Er hatte sie oft behandelt, ihnen sogar ins Gewissen geredet, ohne unangenehme Konsequenzen. Jetzt aendern sich ihre Haltung. Sie verhoeren ihn, setzen ihm zu, verfolgen ihn, kontrollieren ihn ununterbrochen, im Krankenhaus und in der Kirche; sie folgen ihm, wohin er geht, durchsuchen sogar sein Appartement; einige Male verueben sie Giftanschlaege. Jeden Morgen, wenn er auf dem Weg zum Krankenhaus oder zur Kirche eine Strasse ueberquert, braust ein rotes Auto mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu, als ob es ihn ueberfahren wolle, eben um ihn zu erschrecken; dann folgt ihm dieses Auto. Aehnlich grausam spielt man mit seiner Schwester Varvara.

Liebe bis ans Ende
Am schwersten sind die Verhoere auszuhalten, brutal nach Methode und vulgaer im Ton. Man quaelt ihn mit unflaetigen Ausdruecken und haltlosen Anklagen auf die katholische Kirche, behandelt ihn wie einen Putzlappen. In der Klinik laesst sich P. Martin sogar vorsorglich die Taschen seines Arztmantels zunaehen, damit ihm nicht vorgeworfen werden kann, er nehme von Patienten Bestechungskuverts an. Ein solches koennte man ihm ja heimlich zustecken, um ihn dann anzuklagen. Aufrecht haelt ihn das Gebet. Auf die letzte Seite seines geistlichen Tagebuchs traegt er die Worte Martin Luther Kings ein: "Macht mit uns, was ihr wollt, wir werden euch weiterhin lieben!".
Am 12. Juli 1986 ist sein irdischer Leidensweg (Kalvaria) zu Ende. Am Donnerstag bittet er Pfarrer Eduard Sechel um die Krankensalbung. Am Samstagmorgen, 12. Juli, wird er ins Krankenhaus gebracht. Am Nachmittag kehrt er, umgeben von Verwandten, Freunden, Priestern, Aerzten und einigen Patienten, heim zu seinem Vater, den er mit seinem ganzen Leben geliebt hat. Begraben wird er, seinem Testament entsprechend, in seinem Heimatdorf: "Ich moechte im Friedhof von Galbeni begraben werden. Ich wuensche ein einfaches Begraebnis, einen einfachen, gewoehnlichen Sarg, und keine Schuhe". In Rumaenien werden Verstorbene mit neuen Schuhen bestattet, nur Arme koennen sich dies nicht leisten. Auf dem Grabstein sind die Worte der heiligen Klara von Assisi gemeisselt: "Ich danke dir, Herr, dass du mich erschaffen hast!".
Rosenduft im Brunnenwasser
Das Leben von P. Martin war voller Dornen und glich doch einer Rose. Ein Jahr nach seinem Tod entfaltete diese "Rose" ihre Pracht. Ihr Duft war zu riechen und zu schmecken - im Wasser des Brunnens neben seinem Geburtshaus. Einige Frauen hatten es zuerst bemerkt. Wenige Tage spaeter war der Ort Galbeni in ganz Rumaenien bekannt. Eine regelrechte Wallfahrt setzte ein, man schoepfte Wasser aus dem Brunnen und nahm Erde vom Grab des Paters Martin mit. Die Kunde von vielen Heilungswundern machte die Runde und die Leute begannen, andaechtig die Hilfe und Fuersprache von Martin Benedict im Gebet zu erflehen.
Die Securitate war alarmiert und liess von der Gesundheitsbehoerde das Wasser ueberpruefen; es erwies sich als sauber und in keiner Weise von irgendwelchen Duftstoffen kontaminiert. Man setzte dem Wasser chemische Substanzen bei, damit es seine einzigartigen Qualitaeten verliere. Doch das Wasser behielt weiterhin seine Eigenschaften. Man wollte den Zustrom stoppen, indem man die Leute in der Nachbarschaft der Propaganda fuer einen "wundertaetigen Brunnen" verdaechtigte. Doch beim Verhoer durch die Polizei blieben die Leute stur bei den objektiven Fakten. In Rumaenien gibt es ein Sprichwort: "Die Rose bleibt eine Rose, selbst unter Brennnesseln".
Die meist orthodoxen Besucher nahmen so viel Erde vom Grab Pater Martins mit, dass die Familienangehoerigen es mit einer Steinplatte abdeckten. Nach etwa einem Jahr verschwand der Duft des Wassers, doch kommen die Leute bis heute und schoepfen Wasser aus diesem Brunnen.

GEBET
Heiligste Dreifaltigkeit, Wir danken Dir fuer den Diener Gottes, Martin Benedict, den Du Deiner Kirche geschenkt hast.
Du hast ihn berufen als Arzt fuer Seele und Leib zu wirken. Mit Liebe und Geduld wurde er von Dir ausgestattet.
Sein ganzes Leben hat er fuer die Verteidigung der menschlichen Wuerde und Freiheit dargeboten und fuer den Dienst an den Kranken und Armen geopfert.
Wir bitten Dich, heile durch seine Fuersprache die Wunden der Seele und des Leibes derer, die mit Glauben und Vertrauen zu Dir kommen.
So wie Du ihm eine eifrige Liebe zur heiligen Eucharistie gegeben hast und einen unbesiegbaren Mut gegenueber den Widerwaertigkeiten dieser Welt, ebenso gib auch uns nach seinem Beispiel die Gabe unter den Menschen lebendige Zeugen Deiner Guete zu sein, damit wir voll Entschiedenheit und Eifer auf Deinen heiligen Weg gehen.
Wir bitten Dich weiterhin, o Herr, wenn es Dein Wille ist, ihn zur Ehre der Altaere und zum Lob Deiner Herrlichkeit zu erhoehen.

Vater unser..., Gegruesset seist du, Maria..., Ehre sei dem Vater...

Imprimatur, 27.02. 2007
Mons. Petru Gherghel, Bischof von Iasi



 

 

 
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